Frau knöpft in der Küche mit ungeschickten Fingern ihre Strickjacke zu

Die dritte Infusion ist vorbei, und beim Zähneputzen fällt es auf: Die Fingerspitzen kribbeln, der Knopf am Hemd wird zur Geduldsprobe. Viele Menschen unter Chemotherapie kennen diese Veränderung. Sie hat einen Namen, chemotherapieinduzierte Polyneuropathie (kurz CIPN), und sie ist eine der häufigsten Nebenwirkungen bestimmter Krebsmedikamente. Wichtig ist vor allem eines: Sprechen Sie sie früh an, solange sich an der Behandlung noch etwas anpassen lässt.

Warum Chemotherapie Nerven angreift

Zytostatika sollen schnell wachsende Tumorzellen treffen. Manche schädigen dabei auch die langen Nervenfasern, die von den Füßen und Händen zum Rückenmark ziehen. Sie liegen am weitesten vom Zellkörper entfernt und sind besonders empfindlich. Deshalb beginnen die Beschwerden fast immer an den Zehen und Fingern, an beiden Körperseiten, und wandern bei Fortschreiten nach oben, wie bei anderen Formen der Polyneuropathie.

Nicht jede Chemotherapie tut das. Am häufigsten genannt werden:

  • Platinhaltige Substanzen wie Oxaliplatin und Cisplatin,
  • Taxane wie Paclitaxel und Docetaxel,
  • Vinca-Alkaloide wie Vincristin,
  • Bortezomib und Thalidomid, die bei Erkrankungen des Knochenmarks eingesetzt werden.

Ob und wie stark es Sie trifft, hängt vom Medikament, von der Gesamtmenge und von Vorerkrankungen ab. Ein bereits bestehender Diabetes oder ein Mangel an Vitamin B12 erhöhen das Risiko.

Woran Sie es erkennen

Die Beschwerden sind je nach Wirkstoff etwas verschieden.

  • Kribbeln, „Ameisenlaufen” oder Taubheit in Fingerspitzen und Zehen, oft wie ein Handschuh oder ein Strumpf,
  • Brennen oder elektrisierende Schmerzen, vor allem nachts,
  • unsicherer Gang, weil die Füße den Boden schlechter spüren,
  • ungeschickte Hände: Schreiben, Knöpfen, Schlüssel greifen,
  • bei Oxaliplatin typisch: Missempfindungen, die durch Kälte ausgelöst werden, schon beim Griff in den Kühlschrank oder beim Schluck eiskalten Getränks.

Die kälteabhängigen Beschwerden klingen meist nach Tagen ab. Das dauerhafte Taubheitsgefühl entwickelt sich langsamer, über mehrere Zyklen hinweg.

Warum es nach der letzten Infusion noch schlimmer werden kann

Bei Platinpräparaten ist ein Phänomen bekannt, das Betroffene oft erschreckt: Die Beschwerden nehmen nach Ende der Therapie noch einige Wochen bis Monate zu, bevor sie sich bessern. Das heißt nicht, dass etwas Neues dazugekommen ist. Wer das vorher weiß, deutet es nicht als Rückfall.

Bei vielen bessern sich die Symptome nach dem Ende der Behandlung zumindest teilweise. Bei einem Teil bleiben sie über Monate oder Jahre bestehen. Eine verlässliche Voraussage für den Einzelfall gibt es nicht.

Was die Behandlung leisten kann und was nicht

Die ehrliche Antwort ist unbequem. Für die Vorbeugung gibt es nach der Leitlinie der amerikanischen Fachgesellschaft ASCO keinen Wirkstoff, der verlässlich empfohlen werden kann. Auch Vitamine, Nahrungsergänzungsmittel und Kühlhandschuhe sind keine gesicherte Lösung. Deshalb gilt: Wenn eine Maßnahme als Wundermittel gegen CIPN angepriesen wird, ist Skepsis angebracht.

Zur Linderung schmerzhafter Beschwerden ist ein Antidepressivum aus der Gruppe der Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer die Substanz mit der besten Evidenz. Auch andere Medikamentengruppen gegen Nervenschmerzen werden eingesetzt, wie bei Brennen in den Füßen aus anderer Ursache. Sie wirken nicht bei allen, haben Nebenwirkungen und werden von der Ärztin oder dem Arzt ausgewählt und angepasst. Taubheit selbst lässt sich damit kaum beeinflussen.

Entscheidend ist oft etwas anderes: Das Onkologenteam kann die Dosis senken, die Abstände verlängern oder ein Medikament pausieren oder wechseln, wenn die Nerven deutlich leiden. Diese Abwägung gegen die Wirksamkeit gegen den Tumor trifft nur das behandelnde Team. Brechen Sie eine Therapie nie auf eigene Faust ab, aber melden Sie Veränderungen bei jedem Termin.

Was Sie im Alltag tun können

  • Beschwerden früh melden und kurz notieren: Wo, wie stark, was löst sie aus?
  • Füße täglich ansehen und Schuhe wählen, die nicht drücken. Wer Druck nicht spürt, bemerkt Blasen spät.
  • Bei Kälteempfindlichkeit Handschuhe tragen, Getränke nicht eiskalt trinken, Kühlschrank mit Handschuh öffnen.
  • Stolperfallen zu Hause beseitigen, Teppichkanten und lose Kabel zum Beispiel. Nachts Licht anlassen.
  • Beim Kochen und Baden Temperatur mit dem Ellenbogen oder einem Thermometer prüfen, nicht mit tauben Fingern.
  • Bewegung nach Absprache mit dem Team. Gleichgewichts- und Krafttraining unter physiotherapeutischer Anleitung kann Sicherheit geben. Ob es die Nerven selbst schützt, ist nicht abschließend geklärt.

Ergotherapie hilft bei Feinmotorik, etwa mit dicken Griffen oder Knopfhilfen. Das klingt nach Kleinigkeit und erleichtert den Tag spürbar.

Wann der Neurologe dazukommen sollte

Die Onkologie ist die erste Anlaufstelle. Ein Neurologe wird sinnvoll, wenn die Ursache unklar ist, die Symptome ungewöhnlich verlaufen oder zusätzlich andere Auslöser möglich sind. Dann prüft er zum Beispiel, ob neben der Chemotherapie ein Diabetes, ein Vitamin-B12-Mangel oder ein Nervenengpass mitspielt. Eine Nervenmessung (so läuft die ENG ab) kann das Ausmaß der Schädigung dokumentieren.

Wann Sie sofort zum Arzt sollten

  • rasch zunehmende Schwäche in Armen oder Beinen, Stürze oder plötzliche Gehunfähigkeit,
  • Störungen von Blasen- oder Darmkontrolle,
  • Schmerzen im Rücken mit Taubheit im Intimbereich oder Kribbeln in beiden Beinen,
  • Wunden oder Entzündungen an Händen und Füßen, die Sie nicht spüren,
  • Schwindel, Ohnmacht oder starkes Herzrasen,
  • Fieber unter Chemotherapie: sofort die Onkologie oder den Notdienst kontaktieren,
  • plötzliche Lähmung, Sprachstörung oder hängender Mundwinkel: Notruf 112.

Häufige Fragen

Geht die Nervenschädigung nach der Chemotherapie wieder weg?

Bei vielen bessern sich die Beschwerden nach Therapieende, oft langsam und nicht immer vollständig. Bei einem Teil bleiben sie bestehen. Wie es bei Ihnen verläuft, lässt sich vorher nicht sicher sagen.

Soll ich Vitamine oder Nahrungsergänzungsmittel nehmen?

Ein gesicherter Schutz ist für sie nicht belegt. Sprechen Sie jedes Präparat vorher mit dem Onkologieteam ab. Manche Mittel können die Chemotherapie beeinflussen.

Muss ich die Chemotherapie abbrechen, wenn die Finger taub werden?

Nicht von sich aus. Melden Sie die Beschwerden, damit das Team abwägen kann, ob Dosis oder Medikament angepasst werden. Die Entscheidung treffen Sie gemeinsam mit den Behandelnden.

Lesen Sie auch

Dieser Artikel dient nur der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

Quellen

  1. Loprinzi C. L. et al.: Prevention and Management of Chemotherapy-Induced Peripheral Neuropathy in Survivors of Adult Cancers: ASCO Guideline Update. J Clin Oncol. 2020;38(28):3325–3348.
  2. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): Leitlinie «Diagnostik bei Polyneuropathien», AWMF-Register Nr. 030-067.
  3. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): Leitlinie «Diagnose und nicht interventionelle Therapie neuropathischer Schmerzen», AWMF-Register Nr. 030-114.